Angeln
An
sonnigen Tagen streiften wir über die Grünflächen
zwischen den Wohnblöcken, übten an den Teppichstangen Klimmzüge oder
perfektionierten uns im Schweinebaumeln, indem wir
uns von den
Teppichstangen kopfüber nach unten hängen ließen, solange, bis uns das
Blut ins
Gesicht floss und die Kniekehlen taub wurden. Wir spielten auf den
Klingelanlagen Klavier und lauschten mit angehaltenem Atem den
durcheinandersprechenden Stimmen. Wir waren alle sieben oder acht Jahre
alt,
und wir waren eine Geheimbande, die sich nachts, wenn die Fenster in
den Wohnblöcken
dunkel wurden, heimlich mit ihren Taschenlampen Botschaften zufunkte.
An
grauen, regenverhangenen Tagen gingen wir zum
Spielen in den Keller. Der Keller war riesengroß, weil alle Mietshäuser
unterirdisch miteinander verbunden waren, und es gab dort eine Menge
aufregender Dinge. Da waren die weitverzweigten, fensterlosen Gänge, in
die
kein Tageslicht fiel, und in denen man sich unter Umständen für immer
verirren
konnte. Die Luft war staubig und feucht, das Atmen fiel schwer, viel
schwerer
als sonst, und wenn wir vergaßen, regelmäßig auf die Lichtschalter zu
drücken,
standen wir plötzlich im Dunkeln. Dann mussten wir uns an den rauen
Wänden
entlang tasten, an Spinnweben und plastikummantelten Stromkabeln
vorbei, um den
nächsten Schalter zu finden.
Wir
spielten oft ein Spiel, bei dem uns allen nicht
ganz wohl zumute war, aber genau aus diesem Grund spielten wir es. Wir
spielten
es wieder und wieder. Das Spiel schien so alt wie der Keller selbst zu
sein,
denn vor uns hatten es auch schon unsere älteren Geschwister gespielt.
In
einer kleinen Sackgasse, die nach wenigen Schritten
endete, stand ein wackliger und an den Ecken abgestoßener Holztisch.
Der Tisch
war gerade so groß, dass zwei von uns im Schneidersitz darauf
nebeneinander
Platz fanden. Für das Spiel brauchten wir außer diesem Tisch noch zwei
Angeln.
Die Angeln bestanden aus einem Stock, an dem eine Schnur befestigt war
und an
dieser Schnur wiederum ein Stück Wurst, Käse oder Speck. Natürlich
wollten wir
damit keine Fische fangen. Wir wollten andere Tiere angeln, und so hieß
auch
das Spiel: Ratten angeln.
Zu
zweit setzten wir uns also auf den Tisch, schlugen
die Beine unter und warfen unsere Angeln aus, während die anderen
hochgingen
und im Treppenhaus warteten. Die Kellertür ließen sie offen, um im
Notfall
sofort auf den Lichtschalter drücken zu können. Die Köder baumelten
kurz über
dem Boden in der Luft. Wir sahen uns an. Dann ging das Licht aus. Wir
sahen
nicht einmal mehr unsere eigenen Hände, in der wir unsere Angeln
hielten. Und
in der Dunkelheit blühten Geräusche, die wir nicht zuordnen konnten und
die uns
ein kaltes Angstgefühl zwischen die Rippen pressten.
Schließlich
ein leiser Aufschrei. „Meine Angel hat
gezuckt!“
„Wirklich?“
„Ja!“
„Du
meinst...?“
„Was
denn sonst?!“
„Ich
will hier raus!!“
„Ich
auch!!!“
Und
dann rannten wir. Wir ließen unsere Angeln auf den
Boden fallen und rannten. Wir stolperten über unsere eigenen Füße,
stießen im
Dunkeln mit unseren Köpfen gegen die Wände und schrieen laut auf, als
wir uns
gegenseitig berührten. Das Licht ging an, weil uns die anderen gehört
hatten,
und sie riefen zu uns hinunter: „Habt ihr eine?! Habt ihr eine
erwischt?!“,
aber wir antworteten nicht, sondern rannten um unser Leben. Erst zwei
Häuserblocks weiter kamen wir zum Stehen. Minutenlang lehnten wir an
einer
Garage, während unser Keuchen allmählich nachließ und in ruhigeres
Atmen
überging.
Wir
haben nie eine Ratte gefangen. Keiner von uns.
Aber bei fast jedem hat es mal an der Angel gezuckt. Und es gab sie
wirklich:
Wir haben sie zwar nicht zu Gesicht bekommen, aber wir haben sie
gehört, wir
haben sie am ganzen Körper gespürt, und in den Ecken waren ihre
körnigen,
schwarzen Kotknittel zu sehen.
|