Papa was a Rolling Stone
Mein
Vater ist wahrscheinlich die unbekannteste
Person, die je auf einer Rolling-Stones-Platte zu hören war. Selbst die
Stones
wissen nicht, dass er sich in einen ihrer größten Hits eingeschmuggelt
hat wie
ein blinder Passagier. Es ist immer noch eine Art Geheimnis, weil mein
Vater
nur selten darüber redet. Er ist so verschwiegen, weil er nicht will,
dass man
ihn für einen Angeber oder Aufschneider hält. Trotzdem ist er sehr
stolz
darauf, Teil eines Stones-Songs zu sein, und wenn er gut drauf ist,
holt er die
Platte aus dem Schrank, schnallt sich seine Luftgitarre um und wartet
auf
seinen Einsatz.
Wenn
man meinen Vater vor sich stehen sieht, würde man
ihn nicht unbedingt auf einer Stones-Platte vermuten. Er sieht nicht
gerade so
aus, wie man sich einen Rocker vorstellt. Aber Ende der sechziger Jahre
war er
ein großer Fan von Open Air-Konzerten und mehrtägigen Musikfestivals.
Mit
langen Haaren, Batikhemden und all den aufregenden Annehmlichkeiten,
die zu so
einem Leben dazugehören. Er ist damals mit Freunden und großer
Leidenschaft
quer durch Europa zu allen möglichen Veranstaltungen gereist, und bei
einem
dieser Festivals traten auch die Stones auf. Mein Vater war schon
Stunden vor
ihrem Auftritt da. Als es losging, stand er so dicht an der Bühne, dass
er
Keith Richards ohne Probleme die Schnürsenkel hätte verknoten können.
Keith
Richards Schnürsenkel haben ihn aber nicht interessiert. Er
interessierte sich
mehr für Mick Jagger. Wie sich sein Gesicht bewegt hat, während er
sang, sagt mein
Vater, das war ein genauso großes Erlebnis wie seiner Stimme beim
Singen
zuzuhören. Außerdem machte Mick all diese Rock’n Roll-Sachen. Er wälzte
sich
auf dem Boden, kopulierte anschließend mit dem Mikrophonständer, ohne
sich den
Staub abzuklopfen und stellte dabei unanständige Dinge mit seiner Zunge
an. Er
schuf die Voraussetzungen dafür, dass ihn die Queen in einem anderen
Jahrtausend mit Sir anreden würde. Und dann gab es während des Konzerts
diesen
einen Moment, wo alles ganz still war: Die Musiker auf der Bühne waren
still
und die Fans waren auch still. Und plötzlich war da dieser Satz. Er lag
auf
einmal in dem Mund von meinem Vater wie eine exotische Frucht. Er hatte
gar
keine andere Wahl, als ihn herauszurufen. Mitten in die Stille hinein.
Es war so
etwas wie eine akustische Vision, sagt er, wenn es so etwas überhaupt
gibt.
Ein
paar Monate später begegnete ihm dieser Satz ein
zweites Mal. Diesmal hatte er ihn nicht auf der Zunge liegen, sondern
im Ohr.
Mein Vater stand in einem Plattenladen in Heilbronn, und er hörte sich
das neue
Live-Album der Stones an. Es war seine Stimme, die er da hörte, und sie
hatte
den klaren und deutlichen Klang einer Kristallkugel. Er war ganz
verblüfft. Er
war so verblüfft, dass er aus dem Laden hinausging, ohne die Platte zu
kaufen.
Er hat sie sich erst am nächsten Tag gekauft. Es ist wirklich
erstaunlich. Ich
kenne die Platte, und ich kenne diesen Song und auch die Stelle, an der
mein
Vater zu hören ist. Es scheint bisher noch niemandem aufgefallen zu
sein, dass
in diesem Stück ein deutscher Satz auftaucht, der dort überhaupt nichts
zu
suchen hat.
Die
Platte hat sich damals ziemlich gut verkauft.
Nicht nur in Heilbronn, sondern auch im Rest der Welt. Sie verkauft
sich auch
heute noch gut. Dafür, dass meinen Vater niemand kennt und er Meilen
davon
entfernt ist ein Musiker zu sein, hat er es auf diesem Gebiet wirklich
weit
gebracht. Er steht in allen Plattenläden der Welt. Es ist wie früher
bei
Alexander dem Großen und den römischen Kaisern: In dem Reich, in dem
diese Platte
zu haben ist, geht nie die Sonne unter. Man könnte sagen, dass meinem
Vater da
ein ungewöhnliches One-Hit-Wonder gelungen ist. Auf eine unsichtbare
Art ist er
ziemlich berühmt. Wenn er versucht sich das vorzustellen, sagt er,
bekomme er
jedes Mal einen Knoten in den Kopf, weil dieser Gedanke so unglaublich
sei. Er
höre sich dann immer die besagte Stelle an, um sich zu vergewissern,
dass seine
siebenundzwanzigjährige Stimme auch wirklich auf dieser Platte zu hören
ist.
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